Low Performer - Die Geschichte eines Verlorenen

Vor 8 Jahren war ich in einem großen mittelständischen Unternehmen als Personalleiterin tätig. Eines Tages kam eine Führungskraft (nennen wir ihn Herr Schmitt) auf mich zu, denn einer seiner Mitarbeiter (nennen wir ihn Herr Müller) brachte einfach nicht die gewünschte Leistung. Der erste Gedanke von Herrn Schmitt war "können wir den irgendwie los werden?". Damals war das keine verwunderliche Frage. Ich überlegte kurz, klärte über den beschwerlichen Weg einer Trennung auf und schlug Herrn Schmitt ein anderes Vorgehen vor. Ich empfahl, mit Herrn Müller ein Gespräch zu dritt zu führen und gemeinsam einen Performance-Improvement-Plan

zu vereinbaren, also einen Plan, indem er für einen gewissen Zeitraum konkrete Aktionen zur Verbesserung seiner Leistung umsetzen sollte. Auch Herr Schmitt bekam Aufgaben zur Unterstützung in diesem Plan. Das Gespräch zu Dritt war beschwerlich. Herr Müller saß in etwa wie ein begossener Pudel am Tisch und sprach wenig. Mehr oder weniger fügte er sich seinem Schicksal und unterschrieb den Performance-Improvement-Plan ebenso wie Herr Schmitt. Und dann zogen beide von Dannen. Herrn Müller war klar, dass dies sein Weckruf war und wenn er die Ziele des Planes nicht erfüllen würde, würde er seine Stelle verlieren.

Und so kam es auch. Herr Müller verließ das Unternehmen. Herr Schmitt konnte ein neues Teammitglied suchen und die Teamleistung damit neu ausrichten. Was vermeintlich nach einer zweiten Chance und einer sanften Trennung aussah war am Ende doch ein Lose-Lose für alle Beteiligten. Wir hatten alle verloren und keiner gestand es sich ein.

Im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass mit diesem Umgang mit Low-Performern kein Blumentopf zu gewinnen ist und der Ausgang vorhersehbar ist. Es fühlt sich oberflächlich gut an "eine zweite Chance" auszusprechen, doch innen drin wissen wir alle, dass es so nicht funktioniert. Hand aufs Herz. 

 

Kürzlich sah ich ein YouTube Video von Simon Sinek, indem er genau dieses Thema ansprach und den Vergleich zwischen einem Unternehmen und einer Familie zog. Er sagte in einer Familie würde man niemals auf die Idee kommen, ein Familienmitglied rauszuschmeißen, wenn er nicht mehr "funktioniert". Man würde Gespräche führen, helfen und unterstützen, sodass dieses Familienmitglied seinen Weg wieder findet. Und nach Simon Sinek müsse es so auch in Unternehmen laufen. Statt einem Low-Performer die Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit zu entziehen, ginge es darum, die Unterstützung und Hilfe zu intensivieren.

 

Und so ist es tatsächlich. In meiner Arbeit heute als Wirtschaftsmediatorin sehe ich meinen Fall von damals ganz anders. Wir hätten alle gewinnen können, wenn wir die Situation ganz anders angegangen wären. Der Schlüssel zum Erfolg hätte die selbe Basis wie unser damaliges Vorgehen: ein Gespräch. Doch die Gestaltung dessen hätte ganz anders aussehen müssen. Als Personalleiterin hätte ich im ersten Schritt offenes Gespräch mit Herrn Müller geführt und ihm angeboten, mit Hilfe eines Mediators ein Gespräch mit Herrn Schmitt zu führen, mit dem Ziel, vertraulich über die Dinge zu sprechen, die ihn beschäftigen und möglicherweise belasten, um dann zu überlegen, wie wir alle gemeinsam ihm helfen können, seinen Weg zu finden.

Warum nicht erstmal selbst nachfragen, statt gleich einen Mediator rein zu holen? Das ist eine berechtigte Frage. Der Moment ist kritisch und das Vertrauen spielt eine große Rolle. Als Personalleiterin hätte ich damals (und jeder andere Personalleiter in seiner Rolle heute ebenso) nicht dieses Vertrauen genossen, denn Personaler sind Arbeitgebervertreter.

Zurück zum Fall: mit einem neutralen Gesprächspartner hätten wir also die Chance gehabt, überhaupt erstmal zu verstehen, warum Herr Müller seine Leistung nicht erbringt. Und das ist wirklich der Schlüssel zur Rettung des verlorenen Mitarbeiters, denn keiner beschliesst "Ich werde jetzt ein Low-Performer". Wir haben also immer die Möglichkeit, mit unseren Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, eine Beziehung aufzubauen, zu helfen und die Dinge beizubringen, die es braucht, um die gewünschte Leistung zu erbringen.

Es braucht nicht viel, um einen Menschen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine Veränderung zu Hause, ein Konflikt, ein Streit oder gar eine schlechte Beurteilung können das schon bewirken. Das Gute ist, es braucht auch gar nicht so viel , einem Menschen wieder auf die Beine zu helfen. Zusammenhalt, ein offenes Ohr, die Bereitschaft, die richtige Hilfe zur Verfügung zu stellen sowie Empathie und Vertrauen. Investieren Sie all das in Ihre Mitarbeiter, bekommen Sie es zehnfach zurück. Probieren Sie es aus.